Wer ist Gott?
Vortrag von Klauß Stüwe vom 5. August 2011

 

 

Angelus Silesius:

Gott ist so über alls, dass mans nicht sprechen kann, drum betet man ihn auch mit Schweigen besser an.

Ihr habt ja inzwischen gemerkt, dass ich am Morgen immer einen Text auswähle, der das Thema des Tages signalisiert. Und so muss nach dem "Wer bin ich?" jetzt konsequenter Weise kommen: "Wer ist Gott?". Aber wie ihr schon aus dem Angelus-Silesius-Zitat heraushören konntet, ist zwar die Frage zu stellen und das Thema notwendiger Weise auf dem Weg der Übung ins Auge zu fassen. Aber wenn ich sage: Wir üben das kontemplative Gebet, dann hat das notwendigerweise mit Gott und Religion zu tun. Aber, wie gesagt, Angelus Silesius wusste schon: Es ist besser, von Gott zu schweigen als von Gott zu reden. Aber manchmal lässt es sich auch nicht vermeiden und ich will mich ja auch nicht darum drücken.

Ich glaube, dass es für jede/jeden wichtig ist, immermal wieder hinzuschauen und zu prüfen: Stimmt das, was ich als Gottesbild habe, als Gotteserfahrung, als Gottesvorstellung, stimmt das mit meinem Leben, mit meiner Situation, mit dem, wie ich sonst die Welt anschaue überein, oder bin ich auf dem Stand meiner Firmung oder meiner Konfirmation stehen geblieben? Ist mit meinem Erwachsenwerden, mit all meinen Erfahrungen und Enttäuschungen, ist mein Gottesverhältnis mitgewachsen oder wie ist es geworden, wie ist es?

Und dann kommt der unausgesprochene Antrag an mich: Na, dann sag' uns halt, wie’s ist. Oder dann gibt es immer wieder welche, die sagen: Ich sag euch wie’s ist, mit Gott und mit euch. Und da setzt es bei mir aus, weil ich dann merke, das kann nichts werden mit mir und mit der Antwort. Ich kann euch nicht sagen, wie es ist. Ich bin der Meinung, ernsthaft und fundiert können nur Antworten gegeben werden, die lauten: "Aus meiner Sicht", "Auf Grund meiner Erfahrung", "In meinen Augen". Ich weiß, gerade auch in der Geschichte der christlichen Kirche ist darüber oft hinaus gegangen worden. Und es ist immer wieder der Versuch unternommen worden, zu sagen: Gott ist so und er ist so nicht und bitte da ist die Grenze und somuss es sein, und wenn ihr nicht glaubt, dann kommt ihr ins Feuer – um das jetzt mal ganz karikiert zu sagen.

Das halte ich für problematisch, auch die zeitgenössischen Lehrer, gerade auch die Meditationslehrer, die Gurus, die so tun als wüssten sie wie’s ist, halte ich für problematisch. Und deswegen zitiere ich jetzt auch. Ich könnte euch ja jetzt sagen, was der Willigis sagt, oder ich kann euch sagen, was der Eckart Tolle sagt. Aber das könnt ihr ja selber nachlesen; das muss ich euch ja hier jetzt nicht zitieren. Was bleibt dann. Ich kann nur meinen eignen Vorsatz ernst nehmen und sagen: Aus meiner Sicht, in meinen Augen kann ich in dem Zusammenhang das und das sagen.

Also kann ich nur eine Antwort auf die Frage geben: Wer ist Gott für mich? Das versuche ich jetzt. Ich weiß, dass das gefährlich ist, dass das immer eine Gratwanderung ist. Es ist ganz was Persönliches und ich mache das auch eher selten und ich lade euch einfach ein, das anzuhören und es in irgendeiner Form mit euch in Beziehung zu setzen und zu sagen: Ja, leuchtet mir ein, oder, mir geht es ganz anders. Es ist eben jetzt ein Versuch, mich hinzustellen und zu sagen: Hier sitze ich und so ist es und macht damit, was ihr für richtig findet.

Ich weiß seit Kindheitstagen: "Es ist da", das Unerklärliche, das Geheimnisvolle, das Hinter-allen-Dingen. Ich habe sehr deutliche Erinnerungen an meine Kindheit in Berchtesgaden, an Situationen an der Berchtesgadener Ache, wo wir als Kinder gern zum "Angeln" hingegangen sind, oder auch in der evangelischen Kirche in Berchtesgaden. Da war mir ganz klar: "Es ist da". Es war nie ein: "Er ist da". Und deshalb ist bis heute für mich die Frage nach der Personalität Gottes keine Frage. Ich habe ihn so nie erlebt. Ich habe ihn so nie erfahren. Er hat mir so nie gefehlt – was nicht ganz genau stimmt: In der Zeit meines Pfarrerdaseins, vor der Begegnung mit Willigis, habe ich lange das Gefühl gehabt: Ich bin da falsch, mir fehlt etwas, ich müsste eigentlich eine Vorstellung haben, weil sie verbreitet ist, weil sie zu verkündigen ist, weil es für die christliche Tradition eigentlich dazu gehört, dass da ein personaler Gott ist und dass da eine Beziehung, ein Verhältnis ist.

Dieses Verhältnis habe ich nie gehabt. Ich habe es nie laut gesagt. Und als ich dann Willigis begegnet bin und er gesagt hat: Das braucht es gar nicht und das geht auch ganz anders, war ich sehr dankbar und war sehr erleichtert und seit dem bin ich auf meinen alten Stand zurückgegangen und sage: Ja, warum nicht so, wie es mir von Anfang an gegangen ist.

Das zweite: Ich habe in meinemLeben an wichtigen Stationen sehr elementare Sätze gehört, Sätze, die für mich ganz klar waren, die keinerlei Widerspruch zugelassen haben, die einfach da waren und ich habe sie gehört. Und die waren dann Teil meines Lebens oder sie haben mein Leben bestimmt und getragen bis zu dem Entschluss z.B. Theologie zu studieren, Pfarrer zu werden. Das heißt, ich habe immer gewusst, dass ich gemeint bin. Und weil das so ist und weil das so war, habe ich mich immer getragen gewusst, gehalten, eingeordnet. Das Gefühl war nicht immer so ganz tragfähig, ich habe durchaus erhebliche Krisen in meinem Leben durchmachen müssen und durchgemacht. Aber ich bin heute dankbar, dass ich sie durchgemacht habe und dass ich sie überstanden habe, weil sie mich an viele wichtige Grenzen und zu vielen Einsichten geführt haben.

Und so bin ich gegangen Schritt für Schritt in mein Erwachsensein, in das Studium, in meine Beziehungen, Familie, Beruf mal suchend, mal findend. Heute kann ich zusammenfassend sagen: Es ist immer noch so. Ich spüre den Grund, die Ursache von allem und weiss, alles ist aus diesem Urgrund. Ich auch. Ich weiß nicht wie; ich weiß nicht warum; ich weiß nicht woher und ich weiß nicht wohin. Und dennoch oder deswegen stelle ich fest: Es ist gut dazusein, zu leben, zu lieben, zu werden der ich bin und doch schon immer war.

Jeden Morgen, wenn ich in den Spiegel schaue und mir das Gesicht eincreme, höre ich den Satz:

Gott spricht: Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.


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